Indien – Auroville in Tamil Nadu

 


„Take it with the flow“

Durch Südindien von Auroville bis Kovalam

Vier Wochen lang reisten wir durch Südindien: von Auroville in Tamil Nadu bis nach Kovalam in Kerala. Nicht in der touristischen Hochsaison, sondern im April/Mai, wenn tropische Hitze und Schwüle jedem zu schaffen machen, selbst den Indern. Bis auf einen leichten Gewichtsschwund haben wir alles gut überstanden. Es war kein Bade- oder Wellness-Urlaub, dafür ein Abenteuer, anstrengend vor allem die zehntägige Reise von der Ost- zur Westküste mit Tempel- und Hotel-Hopping. Am stärksten beeindruckt hat uns Auroville, die „Stadt der Morgenröte“, wie sie poetisch auch genannt wird.

Mit einem Reise-Mantra durch Indien

„Indien ist noch immer einer der Orte, die man unretuschiert und authentisch erleben kann.“
Meera Shankar, ehemalige indische Botschafterin in Deutschland

Lakshmi auf einer Lotosblüte: Sie ist die hinduistische Göttin für Glück, Fruchtbarkeit, Wohlstand, Gesundheit, Liebe und Schönheit. All das wünscht sie Ihnen für 2017.

Eine Reise nach Indien stand schon lange auf meiner Wunschliste. Seitdem ich Yoga praktiziere, also seit rund 30 Jahren. Doch wo die Reise beginnen auf dem Subkontinent, der rund 38mal so groß wie Österreich oder neunmal so groß wie Deutschland ist und 1,2 Milliarden Einwohner hat?
In Auroville im Bundesstaat Tamil Nadu in Südostindien, beschlossen wir. Hier hatte ich einen E-Mail-Kontakt zu einem Deutschen, der schon länger dort lebt. Wir wollten uns in Auroville treffen. Er könnte uns Tipps geben. Alles Weitere würde sich von selbst ergeben.

Take it with the flow!“, hatte mir ein Indien-Kenner mit auf den Weg gegeben. Es wurde mein Reise-Mantra.

„Namasté“ – „Ich grüße das Göttliche in dir“

Mit „Namasté“ grüße ich die Bettlerin lächelnd und lege meine Handflächen wie zum Gebet vor dem Herzen aneinander in Form des Anjali Mudra. Obwohl sie kein Geld von mir bekommt, lächelt sie zurück, schüttelt dabei Indien-typisch zustimmend ihren Kopf und erwidert meine Geste. Diesen hinduistischen Gruß nutze ich oft, etwa dann, wenn mir jemand wieder einmal etwas verkaufen will und meine Nerven schon arg strapaziert sind. Meist erweist sich dieses Namasté als ein Zauberwort, das dem Anderen Respekt und Ehrerbietung entgegenbringt, so dass er seine ursprüngliche Absicht fallen lässt.

I honor the place in you in which the entire universe dwells.
I honor the place in you which is of love, light, peace and joy.
When you are in that place in you, and I am in that place in me, we are one.

Namasté bedeutet so viel wie: „Ich erkenne und ehre das Göttliche in dir und mir – somit sind wir eins.“ Dieses alte und klangvolle Wort vereint zwei Begriffe aus dem Sanskrit in sich und stellt Grüßenden und Gegrüßten auf gleiche Ebene. Auf unserer Reise durch Südindien wurde Namasté ein verbaler Türöffner, ein Schlüssel zu den Herzen vieler Inder, für die wir Touristen aus dem Westen anscheinend mindestens ebenso fremdartig sind wie sie für uns. Wir fühlten uns bisweilen wie Exoten, konfrontiert mit einer für uns oft unverständlichen und verwirrenden Realität. Wir wurden von Einheimischen beäugt und sogar angesprochen, ob sie uns fotografieren dürfen oder ob wir sie fotografieren möchten. Das haben wir natürlich gern getan – Kulturschock hin oder her.

Jahrmarkt der Sinne und göttliche Komödie

Indien ist kein anderes Land, Indien ist ein anderer Planet.
Es gibt kein Land, das man mit Indien vergleichen kann.

Andreas Altmann auf der Leipziger Buchmesse 2010

Auch wir haben Indien wie einen anderen Planeten erlebt: laut, bunt, schrill, chaotisch, duftend und stinkend, meditativ und reizüberflutend, erotisch und prüde, bettelarm und schwerreich, materiell und spirituell – ein Jahrmarkt der Sinne, eine göttliche Komödie.

Man kann über Indien schreiben, was man will – das Gegenteil ist immer auch richtig“,
soll die 1984 ermordete indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi einmal gesagt haben. 

Glauben Sie also nur, was Sie selbst gesehen und erlebt haben. Um diesen Planeten annähernd begreifen zu können, muss man sich ihm mit allen Sinnen aussetzen, am besten hautnah und ohne Aircondition.

Auroville – ein interkulturelles Experiment

Zehn Kilometer nördlich von Puducherry (bis 2006 Pondicherry) und 150 Kilometer südlich von Chennai, dem nächsten Flughafen, liegt Auroville. Auf rund 20 Quadratkilometern leben hier ca. 2200 Menschen aus 45 Nationen in vielen Communities. Seit Einweihung der Stadt im Jahr 1968 experimentieren sie an einer Gesellschaftsform, deren oberste Prämisse die menschliche Einheit – unabhängig von politischen, religiösen und ethnischen Einflüssen – ist. Der Grundriss der Stadt hat die Form einer spiralförmigen Galaxie. Wie ein Raumschiff erhebt sich in ihrem Zentrum eine 29 Meter hohe, mit Gold überzogene Kugel: das Matrimandir. Für Touristen aus aller Welt ist sie die Hauptattraktion, für die Bewohner die Seele ihrer Stadt.

Auroville wird von der indischen Regierung anerkannt und steht unter der Schirmherrschaft der UNESCO, sogar die EU unterstützt einzelne Projekte. Aus den umliegenden Dörfern arbeiten hier bis zu 5000 Tamilen, dazu noch Volontäre aus der ganzen Welt. Privateigentum gibt es nicht. In der Charta von 1968 heißt es unter anderem:

„Auroville gehört niemandem im besonderen. Auroville gehört der gesamten Menschheit. (…)
Auroville wird ein Ort spiritueller und materieller Forschung sein, damit eine wirkliche menschliche Einheit lebendige Gestalt annehmen kann.“

Das Konzept einer universellen internationalen Stadt basiert auf den Schriften des indischen Philosophen Sri Aurobindo. Seine in Frankreich geborene Gefährtin Mirra Alfassa, bekannt als Die Mutter, gab dem Projekt konkretere Formen und den Namen.

Mirra Alfassa, Die Mutter, und Sri Aurobindo – beide in jungen Jahren.

Das Matrimandir ist kein Tempel

Mirra Alfassas Vision einer universellen Stadt mit einem Zentrum in der Mitte realisierte der französische Architekt Roger Anger. Er entwarf und baute das Matrimandir in rund 40 Jahren als kugelförmiges Gebäude mit einem Durchmesser von 36 Metern. Im Inneren beherbergt es einen großen Meditationsraum. Die Mutter: „Dort sind keine Bilder, keine organisierten Meditationen, keine Blumen, kein Weihrauch, keine Religion oder religiöse Formen. Das Matrimandir ist da für jene, die lernen wollen, sich zu konzentrieren.“ Gäste können das Matrimandir besuchen und meditieren, so wie wir.

„Das Matrimandir heißt wörtlich übersetzt das ‚Haus der Mutter‘. Es war weder geplant noch wird es von uns Aurovillianern als ein ‚Tempel‘ gesehen oder behandelt. Es ist eine Stätte der Konzentration. Es gibt keinen Altar, keine Photos, auch werden dort absolut keine Poojas abgehalten wie sonst üblich in indischen Tempeln. Sicher verführt es sehr, diese Stätte auch unter die Tempel einzureihen, von denen Indien etwas überschwemmt ist. Aber ich mag sie sehr, jedenfalls die meisten, die ich besuchen konnte.“
Njal, deutschstämmiger Aurovillianer

Von der Wüste zum Dschungel

Gaia’s Garden, eine Oase in Auroville

Kireet, ein Holländer mit bürgerlichem Namen Gerard Jak, erzählt uns über die schwierigen Anfänge in Auroville. Er lebt hier seit Mitte der 1990-er Jahre und verwaltet das von ihm erbaute Gästehaus Gaia’s Garden, eine tropische Oase, in dem wir für zwei Wochen wohnen. In über 40 Jahren pflanzten die Aurovillianer rund zwei Millionen Bäume. Dadurch verwandelte sich die einst von Wüstenbildung bedrohte Landschaft in einen grünen Dschungel, in dem viele Tiere, vor allem Vögel, zuhause sind. Zum Beispiel der Brainfever bird oder Wechselkuckuck (Cuculus varius), der schon in aller Herrgottsfrühe lautstark ein tierisch nervendes Noten-Crescendo in die Welt trällert.

Kireet zeigt uns einen der roten Canyons. 13 Jahre lang baute er in ihnen mit tamilischen Helfern und einfachen Werkzeugen 60 Dämme, um das Regenwasser zu speichern und die Erosion aufzuhalten. Eine beachtliche Leistung.

In den ersten Tag erkunden wir Auroville zu Fuß, in dem weitläufigen Gebiet bei 35 Grad und mehr ein schweißtreibendes Unternehmen. Mitten in üppiger Vegetation entdecken wir ungewöhnliche Häuser mit surrealen Formen. Architektonisch sehr interessant. In der Bakery gibt es frisches Brot und süße Teilchen, alles in Bioqualität und sehr europäisch. An den Wänden hängen Bilder von Sri Aurobindo und Der Mutter, beide in hochbetagtem Alter. Ihre Fotos finden wir fast überall: in der Bank, im Reisebüro Yatra Nova, im Supermarkt Pour Tous etc.

Dann machen wir es, wie alle anderen auch, und mieten ein Motorrad. Auf roten Sandpisten fahren wir (Linksverkehr!) zur Solar Kitchen, eine mit Solarenergie betriebene Kantine mit Dachterrasse, auf der es Cappuccino wie in Italien gibt – in Indien eine Rarität. Erst zwei Wochen später bekommen wir nach einer Fahrt in einer Rikscha kreuz und quer durch Madurai den nächsten richtigen Kaffee.

Ins Matrimandir zum Meditieren

Mein Buddha aus Sri Lanka hängt bei „Jutta aus Kalkutta“, wie mein Vater mich manchmal nannte. Er war nie in Indien.

Im Visitor’s Center schauen wir uns das Video über die Entstehungsgeschichte Aurovilles und des Matrimandirs an. Das gehört zu den Formalitäten, um Zutritt zu dem nach 37 Jahren Bauzeit im Jahr 2010 fertiggestellten Gebäude zu erhalten. Jeder Besucher kann unentgeltlich in das Innere der Goldkugel, muss aber erst dieses Procedere absolvieren.

Tags darauf dürfen wir in einem Pulk anderer Besucher hinein. Zuerst müssen wir weiße Socken anziehen, dann dürfen wir auf weißem Teppichboden, vorbei an weißen Marmorwänden, an denen Wasser sanft herunter plätschert, in einem Wendelgang hochschreiten, bis wir im Inner Chamber, dem großen Meditationsraum, angelangt sind. Gefühlte 20 Grad weniger hat es hier. In der Mitte steht eine 70 cm große Kristallglaskugel, auf die von oben das Sonnenlicht projiziert wird. Jeder sucht sich seinen Platz auf einem weißen Kissen; muss jemand husten oder schnäuzen, wird er von weiß gekleidetem Personal hinaus gebeten.

Fasziniert beobachte ich in der Glaskugel, wie sich durch das Wolkenspiel Helligkeit und Schatten in ihr widerspiegeln. Dann schließe ich die Augen, die andächtige Stille im Raum macht mich ruhig, nach etwa 20 Minuten ist unsere (Schnupper-)Meditation schon wieder vorbei. Wir verlassen das Matrimandir. Diese Erfahrung dürfen wir noch ein zweites Mal mit Hans, einem aus Deutschland stammenden Aurovillianer, machen. Bei einer seiner täglichen Meditationen nimmt uns Hans ganz unkompliziert mit.

Ökofilmfestival und Projekte für Volontäre

Der deutschstämmige „Hans von Silence“ mit der Autorin auf der Dachterrasse des Solar Kitchen. Er demonstriert , wie man den „Zapper“ verwendet. Laut Dr. Hulda Clark soll das Gerät mit Hilfe elektrischer Schwingungen Parasiten und Erreger im menschlichen Körper zerstören.

„Hans von Silence“ – so stellt er sich uns vor – lernen wir eines Abends im Kino kennen. „Von Silence“ ist nicht sein Adelsname, wie ich im ersten Moment vermute, sondern der Name seiner One-man-Community. Eine Woche lang findet in dem angenehm kühlen Kinosaal ein Ökofilmfestival mit internationalen Filmen statt. Der Eintritt ist frei. Ich bin immer wieder erstaunt, was hier weit weg von Europa alles geboten wird. Sogar den schönen Film Baraka, den ich in München zum ersten Mal anno 1992 sah, kann ich im Sadhana Forest, einem Wiederaufforstungsprojekt in Auroville, ein zweites Mal anschauen – zusammen mit vielen Volontären aus der ganzen Welt, die sich hier und in anderen Projekten engagieren. Nach dem Film erhält jeder Zuschauer auch noch ein kostenloses veganes Essen. Mich erinnert das an meine Zeit als Volontärin mit 20 in einem Kibbuz in Israel. Wäre ich nochmal so jung, würde ich in Auroville als Volunteer arbeiten. Die Filme und Projekte, die Kontakte und Gespräche beflügeln mich, der Idealismus der Menschen wirkt ansteckend.

Cashews, Baumwolle und der Kampf gegen Endosulfan

Njal, engagierter Kämpfer gegen Endosulfan, an seinem Stand auf dem „Earth Day Eco Market“ in Auroville. Copyright: Giorgio Molinari

Auf dem „Earth Day Eco Market“ gegenüber der Solar Kitchen treffen wir Njal wieder. An seinem Stand bietet er Limonool, ein biologisches Pflanzenschutzmittel aus Neem-Öl, zum Selbstkostenpreis für 50 Rupien (ca. 70 Cent) für einen Viertel Liter an. Er klärt uns auf, dass ein in Indien weit verbreitetes Pestizid, Endosulfan, hier immer noch eingesetzt wird, obwohl es bereits in 81 Ländern verboten oder scharf beschränkt wurde. Endosulfan ist ein für Mensch, Tier und Umwelt neurotoxisches Insektizid und wird von der US EPA als hochgiftig klassifiziert.

Das Nervengift Endosulfan wird in Indien vorwiegend in Baumwoll- und Cashewnuss-Plantagen eingesetzt. In Kerala sollen schon 10.000 Menschen an den Folgen des Schadstoffes leiden, 600 Todesfälle aufgrund des Giftes sind bekannt. Das Insektizid stand bereits im Jahr 2009 auf der Agenda, allerdings scheiterte die Durchsetzung des Verbots am Widerstand Indiens.

Cashewnüsse am Baum. Wegen ihrer Form heißt er auch Nierenbaum.

Auch die Einheimischen in den umliegenden Dörfern von Auroville spritzen damit neben anderen Pestiziden ihre Cashewnuss-Bäume. Laut Njal müsse endlich ein weltweites Verbot her, nachdem bereits 2001 in Kerala eine große menschliche Tragödie, verursacht durch Endosulfan, bekannt wurde. Es steht auf der Liste der UNEP und soll generell verboten werden. Dafür setze er sich ein. Limonool sei eine ungiftige und preisgünstige Alternative, obwohl es nicht wie die synthetischen Pestizide subventioniert wird. Ich kaufe eine 250ml-Flasche zum Ausprobieren für meine Pflanzen und unterschreibe den Aufruf für ein Endosulfan-Verbot.

Dry days und ein trockener Tank

Auf dem Neujahrstag Mitte April in memoriam an die beiden Idole und Gründer von Auroville: Sri Aurobindo (rechts) und Mira Alfassa, auch „Die Mutter“ genannt.

Mitte April ist in Tamil Nadu Neujahr. Unterwegs auf dem Motorrad treffen wir junge alkoholisierte Tamilen. Tags zuvor war Wahltag und der letzte von drei „Dry Days“, an denen kein Alkohol verkauft werden darf. Ausgerechnet an diesem Feiertag bleibt unser Motorrad unterwegs mit trockenem Tank liegen. Warum, bleibt ungeklärt, jedoch hatte man uns vor nächtlichen Spritdieben gewarnt. Zum Glück besorgen uns zwei Jungs einen Liter Benzin in einer weggeworfenen Plastikflasche. Abends findet im Kulturzentrum Bharat Nivas in Auroville die Neujahrsfeier statt. Vor vollem Haus präsentieren Kinder und Jugendliche jeder Hautfarbe ihre traditionellen und modernen Tänze und Gesänge. Am Bühnenrand stehen die mit Blumengirlanden geschmückten allgegenwärtigen Fotos der kultisch verehrten Idole, Sri Aurobindo und Die Mutter.

 

Ausflug nach „Pondy“ (Pondicherry)

Oliver, meinen ersten E-Mail-Kontakt in Auroville, treffen wir öfter zum Abendessen. Beim ersten Mal nimmt er uns zu Zweit auf seinem Motorrad mit. Für uns ist es Premiere, aber hier nichts Besonderes, denn viele Einheimische sitzen zu Dritt oder zu Viert auf einem Motorrad. Oli will uns als Guide nach „Pondy“ (bis 2006 offiziell Pondicherry, heute Puducherry) begleiten und uns die Stadt, die von 1673 bis 1954 französische Kolonie war, die Promenade, den Markt, das französische Viertel und den Sri Aurobindo Ashram zeigen. Mit zwei Motorrädern fahren wir an einem Samstag nach Pondy zum Manakula Vinayagar Tempel, der Ganesha geweiht ist, und besuchen dort den Tempelelefanten.

Seine Stirn ist mit Symbolen bemalt, sein Körper und seine Füße sind mit Glöckchen behängt. Für eine Rupie „segnet“ er jeden Besucher mit dem Rüssel. Mir tut der Elefant mit dem Namensschild Lakshmi – sie ist die hinduistische Göttin des Glücks und der Schönheit – und den gestutzten Stoßzähnen Leid: Er steht auf einem kleinen Podest, sein Mahout sitzt an einem seiner Beine, unterhält sich mit Leuten und berührt den Elefanten mit einem Stock fast ständig, damit dieser seinen Rüssel hebt. Nach einem Gang barfuß durch den Tempel fahren wir zur Promenade. Hier steht eine mächtige Statue von Gandhi, in farbenfrohe Saris gekleidete Inderinnen flanieren mit ihren Kindern, sonst wirkt die Uferstraße am Golf von Bengalen nur wenig einladend.

Die Kolonialhäuser im französischen Viertel, die Straßennamen, die Uniformen der Polizisten und die schöne neogotische Sacred Heart Church in Rot-Weiß zeugen noch immer vom Einfluss der französischen Kolonialherren. Im Hof des Sri Aurobindo Ashrams, den wir auch nur barfuß betreten dürfen, herrscht himmlische Stille. Hier ruhen Sri Aurobindo und Die Mutter. Zum Abschluss unseres Tages in Pondy streifen wir durch den Nachtmarkt und tauchen wieder in das geschäftige Indien ein.

Betend und hupend von Tempel zu Tempel

Driving in India depends on three things: good brain, good horn, good luck.
Aus: Indien verstehen, Sympathie Magazin Nr. 12

Was wäre Indien mit seinen Heiligen Kühen ohne Sound und Horn?

Nach zwei Wochen verlassen wir Auroville. Welche Idylle dort herrschte, wird uns sehr bald bewusst. In einem Tata ohne dazu gebuchte Klimaanlage, dafür mit einem Mini-Ganesha, dem elefantenköpfigen Gott des Anfangs und Gelingens, auf dem Armaturenbrett und Murugan, unserem tamilischen Fahrer, reisen wir von der Ost- zur Westküste: in zehn Tagen rund 1000 anstrengende Kilometer. Auf unserem Plan steht fast jeden Tag ein anderer Ort und der Besuch mindestens eines hinduistischen Tempels.

Ganesha, der elefantenköpfige Gott des glücklichen Anfangs, wird auch vor Reisen angerufen.

Vor jedem Start betet Murugan, hupt dann fast ununterbrochen wie alle anderen auch, flucht gelegentlich leise und befördert oft und lautstark den durchs offene Fenster inhalierten Straßenschmutz dorthin zurück, wo er herkam. Wahrscheinlich gehört all das ebenso zu „Incredible India“ wie die 5000 Jahre alte Kultur und Tradition. Auf jeden Fall bringt Murugan „Mama und Papa“, wie er uns nennt, sicher durch sein unglaubliches Indien und den wohl chaotischsten Verkehr der Welt. „Mama und Papa“, beide nicht viel älter als Murugan, danken es ihm und natürlich auch Ganesha. Namasté, Bella India! Namaskar!

 

Incredible India

Impressionen eines einzigartigen Landes, seiner Tempel und Menschen:
ungeordnet und chaotisch, sinnlich und exotisch wie „Planet India“ selbst!

 


Literaturtipp

Sudhir Kakar: Der Mystiker oder Die Kunst der Ekstase, Verlag  C.H.Beck, 2001

Sudhir Kakar, geboren 1938, gilt heute als Indiens hervorragendster Psychoanalytiker. Über sein Buch „Der Mystiker…“ schreibt „India Today“: „Kakar ist ein Meister in der Verwandlung seines eigenen kulturellen und geistigen Erbes in die packende Geschichte eines Sich-selbst-Suchenden … ein Buch, das uns Religion näher bringt, ohne religiös zu sein.

 

Filmtipps

„Was du nicht weitergibst, ist verloren.“
Rabindranath Tagore (1861 – 1941), bengalischer Schriftsteller

Beim Friseur In Indien

Auch das ist leider Indien.
Hinter dem  unverfänglichen Filmtitel „Beim Friseur in Indien“ verbirgt sich die Geschichte einer kämpferischen Frau, deren Gesicht mit Säure verätzt wurde und die trotz allem ihren Schönheitssalon in Neu-Dehli weiterführt… Unbedingt sehenswert!
Ein Beitrag in der Arte-Mediathek.

Deepa Mehta Collection – 3 DVD Pack [Fire / Water / 1947 Earth]

Empfohlen von einem deutschstämmigen Aurovillianer: Drei interessante, aufklärende, sozialkritische und auch poetische Filme über Indiens Gesellschaft, Geschichte, Kultur, Kastenwesen, Frauenthema, etc. von der in Kanada lebenden Exil-Inderin und Regisseurin Deepa Mehta. In allen drei Filmen der Trilogie (Fire 1996, Earth 1998, Water 2005) geht es um die Rolle der Frau in einer sich im Wandel befindlichen indischen Gesellschaft. „Water“ ist mein Lieblingsfilm, poetisch und traurig zugleich. Er war 2007 für den Oscar in der Kategorie bester fremdsprachlicher Film nominiert. Ein must-see für jeden Indien-Fan!

Darjeeling Limited

Francis und seine jüngeren Brüder Peter und Jack haben seit einem Jahr kein Wort mehr miteinander gewechselt. Um ihre Sprachlosigkeit zu überwinden und wieder zueinander zu finden, begeben sie sich nach dem Tod des übermächtigen Vaters gemeinsam auf eine Zugreise durch Indien auf der Suche nach ihrer Mutter. Was als spirituelle Entdeckungsreise geplant ist, entwickelt sich zum chaotischen Trip, bis die drei Brüder mitten in der Wüste stranden. Dies ist der Beginn ihrer neuen und heilsamen Reise… Reisen heilt auf vielen Wegen!
 


 

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Karin Mager
Gast

Liebe Jutta,
sehr schön, deine Beschreibung und Fotos von Auroville und eine schöne Erinnerung an meine Reisen dorthin. Interessant auch die klangliche Kostprobe des Brainfever bird. In eurem Video empfinde ich sein Rufen eher so als wenn er verzweifelt gegen den Lärm der Straße ankämpft. Dagegen hat mich sein Gesang in Auroville, in den vielen ruhigen Gebieten, die es dort ja immer noch gibt, total fasziniert und beglückt. Für mich gehört sein Rufen zu Auroville. Nervtötend habe ich ihn nie empfunden.

Brigitte Düker
Gast

Der Bericht weckte wieder Erinnerungen an eine Südindienreise 2010. Ein tatsächlich atemberaubendes Land, voller Kontraste. Du hast es so geschildert, wie es wirklich ist. Danke Dir!

Tina
Gast

Super interessant. Vor allem die Einführung in das Thema „Auroville“. War mir nicht bekannt und ich finde das sehr spannend. Nach dem Vorbild müsste man in Deutschland z.B. den Ruhrpott aufforsten. Aber Deutschland ist halt nicht Indien (hört, hört:-) Vielen Dank für die Inspiration.

Dietzel
Gast

Schöner Text, schöne Bilder! Danke!

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