Istrien und Südfrankreich

Nie ohne (m)ein Buch
Oder: Lesend die Welt bereisen

Pausen sind wichtig im Leben, auch und gerade beim Reisen. Nicht nur kurze, sondern längere Pausen zum Innehalten und zur Ruhe kommen, um Eindrücke zu verdauen und neue Kraft zu tanken. Ob in der Provence in Südfrankreich oder in Istrien in Kroatien: Wer unterwegs liest, genießt mehr als nur wundervolle Ausblicke. Er kann an mehreren Orten gleichzeitig sein und manchmal sogar Abenteuer wie in Büchern erleben.

Nach mehr als 1.000 Kilometern Fahrt quer durch Frankreich entschließen wir uns, das Auto ein paar Tage lang stehen zu lassen. Unser Ruhepol soll in Südfrankreich Presqu’île de Giens sein. Von Hyères aus fahren wir auf die Halbinsel, vorbei an Salinen und langen Sandstränden.

Von Südfrankreich ins australische Outback

Beim Wandern auf dem Sentier littoral auf der Halbinsel Giens in Südfrankreich.

Zu den Hyerischen Inseln gehören außer der Halbinsel Giens noch die Inseln Porquerolles, Port Cros und Le Levant – Les Îles d’Or, die man mit der Fähre besuchen kann. Vier Tage lang bleiben wir in Giens Village und finden trotz Hochsaison bei einer netten alten Dame mit fast ebenso altem Hund und noch älterem Hotel inmitten eines urwüchsigen Gartens ein idyllisches Zimmer mit kleiner Terrasse zur Südostseite, umrahmt von Bougainvillea. Hier begrüßen uns morgens die Sonne und abends der Mond.

Spurenkam 2013 in die Kinos.

Ungestört lässt es sich auf der Terrasse in aller Ruhe frühstücken. Endlich kann ich hier auch das Buch Spuren – Eine Reise durch Australien von Robyn Davidson auf einen Rutsch lesen. „Tracks“, so der Originaltitel, ist die autobiographische Erzählung der Autorin, die in den 1970ern mit 27 Jahren ihren Traum verwirklicht und mit vier Kamelen und ihrem Hund in acht Monaten die australische Gibson-Wüste durchquerte. Die Reise durch das Innere Australiens ist vor allem Davidsons Reise in ihr eigenes Inneres. Je abenteuerlicher der rund 1.700 Meilen (2.735 Kilometer) lange Trip wird und je einsamer sie ist, umso besser lernt sie sich und die Welt kennen: Selbstfindung im Outback.

Das Gelesene kann sich bei Wanderungen auf dem „Sentier littoral“ entlang der Küste wunderbar setzen. Herrliche Ausblicke aufs Meer, versteckt liegende Villen, üppige Vegetation: Palmen, Kakteen, Oleander, Bambus und Bougainvillea. Das Gehen in der Natur trägt zum Reflektieren und Verinnerlichen bei. Ein Zikadenkonzert übertönt sogar das Meeresrauschen.

Stiertreiben in Saint-Hilaire-d’Ozilhan

Das Abenteuer kommt dennoch nicht zu kurz: Nach einer Nacht in dem kleinen Ort Saint-Hilaire-d’Ozilhan werden wir tags drauf zufällig Zeugen eines „Abrivado“ oder „Bandido“, eines Stiertreibens. Das Zentrum des Dorfs ist abgesperrt – wie bei manchen Perchtenläufen. Zuschauer stehen und parlieren hinter den Gittern, eine gespannte Atmosphäre liegt in der Luft. „Danger! Watch Out Bull Demonstration“, steht auf einem Schild.

Auf einmal kommen sie um die Ecke gerannt: Schwarze Stiere mit stattlichen Hörnern, begleitet von Reitern auf weißen Pferden. Sie flankieren die Stiere rechts und links und nehmen sie in die Zange. Was für ein Schauspiel an diesem Samstag-Morgen Ende Juli. Geschickt treiben die Reiter die Stiere in Richtung offene Lade eines Transporters. Es dauert einige Zeit, bis sie alle oben sind. Die Zuschauer applaudieren. Die Stiere werden weggefahren. Nur wohin, zu den Weiden oder zum nächsten Auftritt? Das Volksfest im Ort kann beginnen.

 

Wohl gemerkt: Ich bin kein Freund von Stierkämpfen und würde mir auch keinen anschauen. Ganz im Gegensatz zu Hemingway, der darüber sogar ein ganzes Buch (Tod am Nachmittag) geschrieben hat. Für ihn gehörte er zu den drei Sportarten: „There are only three sports: bullfighting, motor racing and mountaineering; all the rest are merely games.“

Von Istrien mit dem Zug durch Indien

Stille Badebucht bei Stoja in Istrien.

Zeit- und Ortswechsel: Ein Jahr später, rund 1.000 Kilometer weiter östlich, am südlichen Zipfel der kroatischen Halbinsel Istrien in der Nähe von Pula. Für eine Woche haben wir in der Nachsaison auf einem Campingplatz ein „Mobile Home“ mit Blick aufs Mittelmeer gemietet. Um nochmal Seeluft zu schnuppern und Wärme für den Winter zu tanken. Auf der kleinen Veranda schmecken Frühstück und Abendessen herrlich, zum felsigen Strand sind es nur ein paar Schritte.

Angelehnt an eine Felswand, von der Herbstsonne beschienen und den Meereswellen umspült, verschlinge ich ein Buch von Andreas Altmann über ein Reiseziel, das mich schon lange fasziniert: Notbremse nicht zu früh ziehen! Mit dem Zug durch Indien. Sein Schreibstil gefällt mir, sein Bericht fesselt mich, seine Erlebnisse erheitern mich, meinem Begleiter lese ich immer wieder Passagen daraus vor. Es ist ein Genuss, hier an diesem ruhigen Ort zu sein und gleichzeitig ganz woanders, weit weg auf einem fernen Kontinent, „einem anderen Planeten“, wie Altmann Indien treffend beschreibt.

Schmucke Oldtimer vor dem römischen Amphitheater in Pula.
Sightseeing in Istrien

Das römische Amphitheater in Pula übt einen besonderen Reiz aus, vor allem in der Nacht. Das 132 mal 105 Meter große Bauwerk stammt aus dem ersten Jahrhundert. Zur Römerzeit ergötzten sich auf den Rängen bis zu 23.000 Zuschauer an den Gladiatorenkämpfen. Heute sind hinter der gut erhaltenen 33 Meter hohen Fassade Musik und Tanz zu Hause: Im Juli gastiert hier das Kroatische Filmfestival. Außerdem finden in der Arena Konzerte mit internationalen Künstlern und Musikfestivals von Oper bis Rock statt. In den Kellerräumen befindet sich eine Ausstellung über Wein und Olivenöl im antiken Istrien.

Bei einem Ganztagesausflug per Schiff von Pula die Westküste hoch bis nach Vrsar geht es in den 600 Meter breiten „Limski Kanal“. Wegen seines fjordartigen Aussehens heißt er auch „Limski Fjord“ und reicht neun Kilometer in die unberührte Karstlandschaft hinein. Er steht unter Naturschutz – Baden ist streng verboten – und wird für die Austern- und Muschelzucht genutzt. Hier wurde der Karl May Film „Der Schatz im Silbersee“ gedreht. In Vrsar und Rovinji macht das Schiff Halt, die malerischen Küstenstädte erkunden wir auf eigene Faust.

Mit Büchern auf Zeitreise

An einem Strand in der Camargue: Was gibt es Schöneres als ein windgeschütztes, idyllisches Plätzchen zum Lesen mit Meerblick?

Auch wenn solche kleinen Exkursionen in Istrien, Frankreich oder anderswo nicht vergleichbar sind mit den Abenteuern eines Altmann oder einer Davidson, so eröffnet Lesen eine neue Dimension. Auf Reisen gelesene Bücher sprechen später zuhause zu mir: Sie erzählen von den Plätzen, an denen ich mit ihnen war, und von anderen, die ich noch besuchen möchte. Für mich sind sie wie eine „Zeitmaschine“ oder eine Brücke zwischen äußeren und inneren Reisen und noch mehr: In ihnen vereint sich meine Sehnsucht nach Vergangenem und Zukünftigem im Jetzt – auch eine Art „Zeitreise“.

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Siegfried
Gast

Beeindruckende Landschaftsbilder und interessanter Text – gefällt mir!
Reisen ist herrlich und das Lesen erfüllend. Alles Gute und liebe Grüße.

Harald
Gast

Liebe Jutta, es gibt keine Darstellungsprobleme, auch keine Vorstellungs- und Folgeprobleme… Bei einem so adretten Wanderhöschen im Blickfeld laufe ich einfach schnurstracks hinterher. Das hast Du mal wieder schön hingekriegt. Und im Winter bei Schnee und Eis: Wo geht da die Reise hin?

Hans
Gast

Liebe Jutta,
besten Dank für deine Reiseberichte, die ich immer gerne lese. Die Südfrankreich-Tour von Monaco in die Camargue habe ich vor genau 40 Jahren gemacht, jeden Ort an der Küste besucht, auch den Grand Canyon du Verdun. Ursprünglich wollten wir bis Portugal…..

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