Perchtenläufe in der Alpenregion

Wo Krampus und Percht ihr Unwesen treiben

Ganz schön „schiach“: Die dunklen Dezembernächte sind in der Alpenregion die Zeit der Perchtenläufe

Perchtenläufe lernte ich erst 2007 kennen, als ich ein Jahr in der Nähe von Waging am See im Rupertiwinkel wohnte. Von dort nach Österreich sind es nur rund 30 Kilometer. Hier in der Alpenregion (Bayern, Österreich, Südtirol) gibt es in der kalten Jahreszeit – ab circa Mitte Dezember bis Anfang Januar – einen Brauch, der rund 500 Jahre alt ist und bis ins Mittelalter zurück reicht. In den dunklen Nächten laufen Perchten und Krampusse durch die Ortschaften, furchterregend maskiert und nicht ganz ungefährlich. Ganz anders als in Städten wie München, wo sie mittlerweile auch schaulaufen, aber viel harmloser sind als in ihren Ursprungsgebieten. 

Ein Albtraum auf zwei Beinen – zum Davonlaufen schaurig-schön.

„Ich werde in die Tannen gehn, dahin, wo ich sie zuletzt gesehn…“, dröhnt es aus dem Lautsprecher bei der „Mystischen Nacht mit Perchtenlauf“ im Teufelsgraben bei Matzing im Salzburger Land. Das Lied von Rammstein zieht mich in seinen Bann, aber noch viel mehr sind es die gruseligen Gestalten vor der nächtlichen Kulisse des Hochseilparks Seeham. Ist dies ein Alptraum? Ein düsteres Zottelwesen mit Furcht einflößender Fratze und Hörnern schreitet mit großen Schritten auf mich zu. Seine Schellen – oder sind es Kuhglocken? – am Hintern scheppern lautstark.

Schläge mit dem Rossschweif

Warum haben kleine Kinder vor solchen Kerlen keine Angst?

Das Grauen packt mich, mein Adrenalinspiegel steigt, instinktiv verstecke ich mich hinter meinem Begleiter, dessen Kamera ihn vor dem Monster zu schützen scheint. Das interessiert sich sowieso nur für mich – vielleicht riecht oder spürt es meine Angst – und greift mit seinen Krallen um ihn herum, um mir unerwartet behutsam seine unförmige Hand auf den Kopf zu legen. Nur kurz dauert diese fast zärtliche Berührung. Gleich darauf holt es mit seinem Rossschweif in der anderen Hand aus und schlägt auf meine Beine. Eitel posiert es noch vor dem Fotografen, bevor es bedrohlich von dannen stapft, um sich ein neues Opfer zu suchen. So groß dürfte die Auswahl aber nicht sein, denn diese „Mystische Nacht“ in Matzing/Seeham kennen wohl nur Einheimische. Mit Kind, Hund und Glühwein haben sie sich hier versammelt, um die Perchten und Krampusse willkommen zu heißen.


Lebendiges Brauchtum in den Rauhnächten

Seit Jahrhunderten spielen sich solche Begegnungen in den Alpenregionen zur Zeit der dunklen (Rauh-)Nächte von Heiligabend bis zum Dreikönigstag oder Epiphanias am 6. Januar ab. Die Wurzeln der Krampus- und Perchtenläufe reichen bis ins Mittelalter zurück und konnten selbst von der Kirche im 17./18. Jahrhundert nicht ausgelöscht werden. Krampus und Percht können zwar gleich aussehen, unterscheiden sich aber: Der Krampus, meist als Begleitperson des heiligen Nikolaus, soll strafen; die Perchten sollen Glück und Fruchtbarkeit bringen sowie den Winter und alles Böse vertreiben.

Kampf mit den Kräften der Natur

Perchtenläufe haben nicht nur eine lange Tradition, sondern sind heute dank der vielen Pässe – ein Pass ist eine Gruppe aktiver Läufer, die in ihrer Maskierung aufeinander abgestimmt sind – zunehmend touristische Attraktion. Auch wenn viele moderne Masken mehr an Horrorfilme erinnern, ist ihre ursprüngliche Funktion erhalten geblieben.

Schönperchten und Schiachperchten

Die Faszination des Perchtenbrauchs liegt nicht nur im Kampf mit den Kräften der Natur, sondern auch mit denen des Unbewussten: Gut und Böse, Schön- und Schiachperchten („schiach“ ist bayerisch und bedeutet hässlich). Die Schiachpercht vertreibt mit ihrem Aussehen und lauten Glocken- und Schellenklängen alles Böse.

Feuer, Rauch, Lärm und Musik – die perfekte Inszenierung für eine gruselig gelungene „Perchtenparty“.

Vertrauen in das augenscheinlich Böse zu haben, die eigenen Ängste zu meistern und sogar Kleinkinder den dämonischen Gestalten hinzuhalten, all das zeugt von tiefer Verwurzelung der Menschen in ihrer Geschichte. Frau Percht oder Perchta (Frau Holle im norddeutschen Raum), die mit ihrer wilden Jagd durch die Rauhnächte zieht und die Seelen ungeborener Kinder führt, hätte bestimmt ihre Freude daran.

Auf Du und Du mit einem „Schmusepercht”

Wie schön eine erste Begegnung mit einem Percht auch sein kann, erfuhr ich 2007 beim traditionellen Oberndorfer Perchtenlauf. Mit rund 900 Maskenträgern und über 60 Vereinen fand er erstmals grenzüberschreitend über die Länderbrücke bis nach Laufen statt.

Ein Percht mit weißem Fell zog mich an sich heran. „Du bist wunderschön…“, schrie ich ihm furchtlos zu, „…nur Dein Fell stinkt nach Ziege. Woher kommst Du?“ „Aus Kuchl“, kam es aus der Maske hervor. Dann ließ der Percht mich los und verabreichte mir seinen obligatorischen, dieses Mal aber sanften Hieb. Und die Moral von der Geschicht’: Trau einem noch so lieben „Schmusepercht” nicht!


Weitere Informationen

www.krampuszeit.at

 

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Brigitte Düker
Gast

Gruselig, spannend, eine Art Fastnacht?
Sehr interessant.

Tina Wiegand
Gast

Spannender Artikel. Vielen Dank!

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