Sternberger Seenland, Teil 2

Aktivitäten im Sternberger Seenland:
Kanu to flow – Naturpark to go

Für Wasserwanderer ist das Sternberger Seenland ein ideales Revier, um auf der Warnow oder Mildenitz, einem Zufluss der Warnow, eine Kanufahrt zu unternehmen.  Die Namen Warnow und Mildenitz kommen – wie man an den Endungen „ow“ und „itz“ erkennt – aus dem Slawischen.  Slawische Stämme siedelten bereits vor rund 1.400 Jahren am Ufer der Warnow und nannten ihn „Krähen- oder Rabenfluss“.

Die Warnow ist nach der Elde der zweitlängste Fluss Mecklenburg-Vorpommerns. Sie entspringt nördlich von Parchim und mündet nach circa 150 km in Rostock in die Ostsee. Davon sind rund 115 Kilometer mit dem Kanu befahrbar. Dabei sollten sich die Kanuten an bestimmte Regeln halten, insbesondere an den Mindestpegelstand von 30 cm, um die seltene, europaweit vom Aussterben bedrohte Bachmuschel (Unio crassus) zu schützen. Aktuelle Pegelstände sind hier zu finden. Auch das nächtliche Befahren der Gewässer ist nicht erlaubt, damit die nachtaktiven Fischotter und Biber ungestört ihrer Beschäftigung nachgehen können. Vor allem letztere genießen großzügige Gestaltungsfreiheit entlang des Flusses und im Naturpark Sternberger Seenland. Zwischen 1991 und 1992 wurden die ersten Elbebiber (Castor fiber albicus) an der Warnow wieder angesiedelt. Ihr Bestand ist seither auf schätzungsweise 350 Tiere angewachsen, die in 113 Biberburgen leben.

Naturpark: Harmonisches Miteinander von Mensch und Natur

Der Naturpark Sternberger Seenland ist 54.000 Hektar groß, das sind rund 76.000 große Fußballfelder (ein internationales Spielfeld misst 105 x 68 Meter). Eine kaum vorstellbare Größe. Ein Naturpark ist kein Nationalpark. Laut Europarc – Dachverband der Nationalen Naturlandschaften sind Naturparks „Regionen, in denen sich Mensch und Natur erholen können. Sie bewahren und entwickeln Landschaft und Natur und unterstützen einen naturverträglichen Tourismus.“

Konkret heißt das: Der Kanutourismus an der Warnow soll sich im Interesse des Naturschutzes und eines nachhaltigen Tourismus entwickeln. So haben sich neun von 15 Kanuanbietern (Stand: Februar 2015) freiwillig dazu verpflichtet, ihre Kunden über die „10 goldenen Regeln für das Verhalten von Wassersportlern in der Natur“ aufzuklären und bei einer Wassertiefe von unter 30 cm ihre Boote auf der Warnow und Mildenitz nicht zu verleihen – zum Schutz der Fließgewässer und der unter strengstem Schutz stehenden Bachmuschel.

Geschützte Tierarten in der Warnow und im Naturpark

Fotos mit freundlicher Genehmigung der Naturparkverwaltung NP Sternberger Seenland

Drei Exemplare der Bachmuschel oder Kleinen Flussmuschel (Unio crassus), die zwischen 4-7 cm groß sind. Bei ausgewachsenen Tieren ist die Schalenfarbe dunkelbraun bis schwarz, bei Jungmuscheln hellbraun bis grünlich. Sie können bis zu 30 Jahre alt werden und ernähren sich von Plankton und winzigen organischen Schwebteilchen (Detritus), die sie aus dem Wasser filtern. Um sich fortpflanzen zu können, brauchen die Larven der Bachmuschel, Glochidien genannt, Wirtsfische, in deren Kiemen sie sich festsetzen. Als Parasit wachsen sie so zu Jungmuscheln heran und fallen dann ab. Viele Populationen vermehren sich jedoch nicht mehr. In Deutschland ging ihr Bestand um über 90 Prozent zurück. Da sie vom Aussterben bedroht sind, stehen sie unter besonderem Schutz. Kanutouristen sollten sich deshalb auch an den Mindestpegel von 30 cm halten.

Nachdem der Biber (Castor fiber) fast ausgerottet worden wäre, steht er heute unter strengem Schutz. Er darf nicht gestört, verfolgt, gefangen, verletzt oder getötet werden. Die größten Nagetiere Europas und die zweitgrößten nach den Capybaras (Wasserschweine) in Südamerika sind Vegetarier und natürliche „Landschaftsarchitekten“, spezialisiert auf Flussbiotope. Seltene Tiere wie Fischotter, Eisvögel, Schwarzstörche, Bachforellen und Wasserspitzmäuse fühlen sich im Biberrevier wohl. Die nachtaktiven Tiere sind mit Eichhörnchen und Murmeltieren verwandt und leben semiaquatisch, d.h. sie verbringen 2-3 Stunden im Wasser, ansonsten sind sie an Land oder in ihrem Bau. In Alt Necheln informiert eine Dauerausstellung im Haus „Biber & Co“ über das Leben und die Schutzwürdigkeit dieser nicht unumstrittenen Säugetiere. Seit 16 Jahren findet jeden April ein Bibertag mit Vorträgen und Exkursionen statt.


Kanu to flow: Auf der Warnow von Alt Necheln bis Weitendorf

© meingutshaus.de
© meingutshaus.de

„Café und Kanu“ bietet das Gutshaus Alt Necheln bei Brüel an. Es liegt versteckt nur wenige Schritte von der Warnow entfernt. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein altehrwürdiges Jagdhaus. Schätzungsweise um 1912 entstand das Haus im Berliner Villenstil und ist vermutlich das Werk von Emilie Winkelmann, der ersten deutschen Architektin. Sie erlernte zuerst das Zimmermannshandwerk, bevor sie als „Emil“ zwischen 1901  und 19 05 an der Technischen Hoch­schule Hannover Architektur studierte. Ohne Diplom, denn Frauen wurden dazu erst ab 1909 zugelassen, ging sie nach Berlin und grün­dete 1908 als erste Frau ihr Architekturbüro. Die Besitzer des Gutshauses wechselten häufig. Die heutigen jungen Eigentümer, die Familie Beyer, schlichen zehn Jahre lang ums leer stehende Haus, bevor sie es erwarben und liebevoll restaurierten. In dem schmucken Anwesen mit parkähnlichem Garten wohnen sie mit ihren Kindern und vermieten drei unterschiedlich große Ferienwohnungen für Selbstversorger.

 

 

In den Sommermonaten kann man im Gutshaus Alt Necheln während der Café-Öffnungszeiten zwischen 14 und 18 Uhr auch Kanus ausleihen und eine gemütliche Tour auf der Warnow bis Weitendorf machen. Vorher oder nachher gibt es im Gutshaus zur Stärkung Kaffee und leckeren Kuchen. „Einschiffung“ ist an der „2 Männerbrücke“. Unsere kleine Gruppe hat „Kanu to go“ oder besser „Kanu to flow“ ausprobiert. Denn es ist mehr ein beschauliches Dahingleiten – zu zweit im Boot: hinten ich als Steuerfrau, vorne Helga fast nur mit Fotografieren beschäftigt. Ab und zu greift auch sie zum Paddel, wenn das Ufer oder Gestrüpp bedrohlich nahe kommt und steuert dagegen. Nach eineinhalb Stunden legen wir mehr oder weniger entspannt vor der Fischtreppe in Weitendorf am Ufer an.

Sprachliche Sommerfreuden: Anbaden, ancampen, ansommern, abbaden

Die Badeanstalt am idyllischen Roten See gibt es seit 1937. Zum Tag der Deutschen Einheit steht der See auch schon mal in Flammen.

Wer noch weiter paddeln möchte, kann das Kanu an der Fischtreppe auch kurz „treideln“, um dann mit Schwung unter der Brücke hindurch das Kanucamp Weitendorf zu erreichen. Will man den Tag mit einem erfrischenden Bad ausklingen lassen, wandert man in einer halben Stunde zum Roten See. Eine seltene Art von Blaualgen lässt dessen Wasser aber eher grünlich schimmern.
Seit 1937 gibt es hier eine Badeanstalt, wo am 1. Mai „angebadet“, zu Ostern „angecampt“, dann „angesommert“ und im Herbst wieder „abgebadet“ wird. Herrlich – diese sprachliche Vielfalt! Es gibt hier auch den ersten Lesestrand in Mecklenburg Vorpommern, wo man für fünf Euro in Ruhe schmökern kann. Auf ihn ist Peter Krüger von der Blockhütte am Roten See stolz. Erfinderisch und geschäftstüchtig sind die Hiesigen allemal. So bietet Krüger zum Sahnehering mit Quark und Kartoffeln auch frische Butter an, die er in einem Fass selbst zubereitet. Seine „Butterfahrten“ sind begehrt und meist ausgebucht. Auch wir haben unsere Muskeln am Fass so lange spielen lassen, bis „alles in Butter“ und diese zum Verzehr geeignet war. Wirklich lecker!

Fazit der Kanutour auf der Warnow

Verglichen mit meinen Erfahrungen auf der Ardèche in Südfrankreich, auf dem Po im Parco del Mincio in der südlichen Lombardei, im Podelta oder auf der Isar von Bad Tölz nach Wolfratshausen ist das Befahren der Warnow „Genuss-Paddeln par excellence“.

Für alle, die es etwas sportlicher mögen: Die vierstündige Tour von Weitendorf nach Eickhof durch das Warnowtal soll temperamentvoller sein. Zwischen Sternberger Burg und Klein Raden gibt es auch einen anspruchsvollen Abschnitt mit Wildwasser-Charakter. Vom einfachen Tagesausflug bis hin zur einwöchigen Tour auf der gesamten Warnow ist fast alles möglich. Auch die Nebenflüsse Mildenitz und Nebel haben reizvolle Streckenabschnitte. Einige Kanuverleiher bieten sogar im Winter Touren an. Dann gibt es auch viel weniger Paddler, keine Mücken, dafür aber wahrscheinlich mehr Chancen, einen Biber zu sichten.

Naturpark to go: Unterwegs mit einer Rangerin

Einen Biber habe ich bei unserer Naturpark-Wanderung nicht gesehen, nur seine allgegenwärtigen Spuren an den Bäumen, den „Biberfraß”.

Links und Mitte: Holzkunst nach Biber-ART in Vollendung                 Rechts: Ährige Teufelskralle oder weiße Waldrapunzel

Auch blieb ich von den Mücken weitgehend verschont – ebenso wie unsere Rangerin Margot Rossow, die ihr Geheimnis verriet: „Mich stechen die Mücken nicht, weil ich immer neue Beute bringe.“ Mit Beute meinte sie uns sieben Personen, die mit ihr an diesem schönen Samstag-Vormittag, noch dazu ihrem Geburtstag, unterwegs waren. Die „Naturparkwächterin“ – wie sie statt Rangerin lieber genannt werden möchte – führte uns mit großer Sachkenntnis von der Sternberger Burg durch das Durchbruchstal der Warnow und Mildenitz, das seit 1965 unter Naturschutz steht, bis nach Groß Görnow. Sie brachte uns nicht nur die Flora und Fauna näher, sondern auch die Erdgeschichte und Historie. Ein auf zwei Beinen wandelndes Lexikon.

Die Naturschutzeule erfand Kurt Kretschmann 1950. In der Bundesrepublik wählte Karl Duwe 1955 den Seeadler als Naturschutzsymbol. DIe Eule steht für Weisheit, der Adler für Macht. Ein gesamtdeutsches Zeichen zur Vereinheitlichung der Naturschutzgebiete gibt es noch nicht.

„Nur wo du zu Fuß warst…“

Eine Wanderung im Detail zu beschreiben, ist müßig, denn jeder erlebt sie anders. Einen Weg muss man selbst zu Fuß gehen, denn – so weiß der Volksmund – „nur wo du zu Fuß warst, warst du auch wirklich“. So lässt es sich mit allen Sinnen erfahren: sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. „Man sieht nur, was man weiß“ und „achtet und schützt nur, was man kennt und versteht.“ Deshalb ist eine Naturparkwächterin als Begleiterin auch so wertvoll: Sie öffnet einem die Augen und Ohren für Unbekanntes, Neues und Schönes. Buchen kann man eine Wanderung mit Ranger(in) über den Naturpark Sternberger Seenland in Warin.

 

Warnowbrücke im Naturschutzgebiet Warnow-Mildenitz-Durchbruchstal

Weitere Informationen

Gudrun Schützler: Entdeckungen auf alten Landwegen im Naturpark Sternberger Seenland
Klemmer Verlag 2013, ISBN 978-3-940175-38-0
Bestellungen direkt bei der Autorin: qualitz.de

mv-maritim.de/reviere/binnenreviere/warnow
flussinfo.net/warnow/beschreibung
warnow-kanutour.de/warnow-kanutour.de/Touren.html
schweriner-see.de/wasserwandern.kanutour.warnow.htm
wanderer-aktivtour.de
ndr.de/ratgeber/reise/mecklenburg/Paddeln-auf-der-Warnow,warnow100.html
biberschutz.de
meingutshaus.de
kanu-camp-weitendorf.de
nationale-naturlandschaften.de
eulenwelt.de/fundeulen_naturschutzeule.htm
Reisen in die Naturparke 2015 – Sternberger Seenland


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