Südöstliche Ägäis, Teil 2

Kos – ein Straßencafé wie auf einer griechischen Postkarte, doch die Idylle trügt.

Blaue Reise in der Ägäis:
Kos – Insel der Hoffnung

Unsere Reise durch die Ägäis mit Mediterranean Delights Fitness Voyage (MDFV) geht weiter. Mein Logbuch, Teil 2, nimmt Sie mit auf die griechische Insel Kos. Ich schreibe diese Zeilen einige Wochen nach meiner Rückkehr voller Sehnsucht, aber auch mit Wehmut. Waren doch die Tage und Nächte auf unserem Schiff, der Muhteşem A., in der Ägäis Mitte September wunderbar leicht, erholsam und auch heilsam.

Seither ist jedoch viel passiert: Allein im Oktober 2015 kamen mehr als 218.000 Bootsflüchtlinge über das Mittelmeer. Tausende von Menschen wählten die Ägäis zwischen der Türkei und den griechischen Inseln zur Überfahrt in ein neues, vermeintlich besseres Leben – viele haben es darin verloren.

Flüchtlingsboote, die es geschafft haben, im Hafen von Kos.

Jetzt Ende Oktober nach einem wiederholten Bootsunglück spricht der griechische Regierungschef Alexis Tsipras davon, dass die Ägäis zum Friedhof für immer mehr Flüchtlinge werde und die Wellen nicht nur tote Migranten, sondern auch die europäische Kultur an Land spülten, wofür er sich schäme. Bleibt nur zu hoffen, dass die Herbststürme und das rauer und kälter werdende Meer die Menschen von ihrem riskanten Vorhaben abhält.

Gesund und schön mit den Heilkräften des Meeres

Ich war in diesem Meer, als es noch warm und sanft war, schwimmen und habe es genossen. Ich fühlte mich eins mit dem Wasser, habe das Salz auf meiner Haut gespürt, die angenehm weich und geschmeidig wurde. Die Kombination von Meerwasser, jodhaltiger Meeresluft und Sonne spendet neue, natürliche Energien. Sie wirkt verjüngend, verschönend und macht zumindest mich wunschlos glücklich.

Salz und Wasser sind zwei fundamentale Elemente des Lebens. Beide Stoffe kommen sowohl im menschlichen Körper (Blutplasma), als auch im Meerwasser vor. Die Zellflüssigkeit des Menschen schwingt im gleichen Rhythmus wie das Meer. Meersalz besteht zu 80 Prozent aus Natrium- und Chlorid-Ionen, die sich im Meerwasser miteinander verbinden und heilende Kräfte entwickeln. Die Heilkräfte des Meeres macht sich auch die Thalasso-Therapie (griechisch für „Meeresheilkunde“) zunutze. Der französische Arzt de la Bonnardière besann sich auf die griechischen Ursprünge der Badetherapie und prägte 1869 den Begriff Thalasso-Therapie. Die Meeresheilkunde baut zum einen auf das Meersalz mit seinen heilenden Kräften und zum anderen auf die Algen mit ihren vitalisierenden Mineralien, Vitaminen und Spurenelementen.

Fernsehfilme über Plastikmüll im Meer

Der beeindruckende ZDF-Dokumentarfilm „Der Junge und das Meer“ von Till Schauder beginnt mit den Worten der Mutter: „Als Boyan zehn Jahre alt war, begann er mit dem Tauchen. Beim ersten Tauchgang hatte er eine Grippe. Als er aus dem Wasser kam, war sein Fieber weg, und er sagte: »Ich fühle mich so gut!« Das war der Moment, als ich wusste, dass er in seinem Leben noch viel Zeit im Wasser verbringen würde…“

Cradle-to-Cradle-Recycling 

Inzwischen ist der Niederländer Boyan Slat 21 Jahre und hat sich eine gewaltige Aufgabe gestellt: die Befreiung der Weltmeere von Plastikmüll. Dass der mittlerweile an allen Stränden unserer Erde herumliegt und im Meerwasser als Mikroplastikteilchen von Vögeln, Säugetieren (Delphinen, Walen, etc.) und Fischen geschluckt wird, die wir Menschen dann wieder verzehren, ist längst kein Geheimnis mehr. Wie man Herr dieser wachsenden Plastikflut wird, welche Alternativen und Innovationen es schon gibt – Stichwort: Cradle-to-Cradle (C2C)-Produkte, hat die BR-Sendung „Gesundheit: Alles Plastik – alles gut?“ am 3.11.2015 gezeigt.

„Das Meer reinigt uns von allen Krankheiten“

Hippokrates ist nicht nur auf der Insel Kos zuhause. Er thront auch in München vor der Bayerischen Staatsbibliothek als einer von vier Gelehrten.

Zurück zum Meer, das in der Ägäis noch sehr sauber wirkt. Dass der Ozean „der beste aller Heiler“ (Chris Griscom) und der größte Naturarzt ist, wussten schon die alten Griechen. Die Wunden ihrer Krieger heilten sie mit Meerwasser. Von dem griechischen Dichter Euripides (5. Jh. v. Chr.) stammt der Ausspruch: „Das Meer reinigt uns von allen Krankheiten.“ Der altgriechische Arzt Hippokrates (460 bis 377 v. Chr.) beschrieb die Meerwasser-Behandlung bei Rheuma, Ischias, Haut- und Darmerkrankungen. Hippokrates praktizierte auf Kos, der nach Rhodos und Karpathos drittgrößten Insel der Dodekanes. In der gleichnamigen Stadt Kos, wo heute rund die Hälfte der Inselbewohner lebt, gehen wir am vierten Tag unserer Reise an Land – natürlich erst nach der frühmorgendlichen Fitness und einem erfrischenden Bad im Meer.

Bei der Einfahrt in den Hafen von Kos empfangen uns Palmen.

Logbuch, 4. Tag: Insel Kos

Samstag, 12. September 2015: Kos Stadt, 31° Celsius

Ali mit der Autorin gut gelaunt vor dem Sightseeing.

Mit Guide Ali unternehmen wir unseren obligatorischen Stadtrundgang. Kos ist geschichtsträchtig, reich an archäologischen Stätten und antiken Plätzen. Fundamente der Agora aus klassischer Zeit und Bauten aus hellenistischer Zeit (Gymnasion, Odeion, römische Bäder, eine römische Villa mit schönen Mosaiken) wurden bei Ausgrabungen freigelegt.
Ein zentraler Platz in der Altstadt ist die uralte Platane des Hippokrates, die er selbst gepflanzt und in deren Schatten er Medizin gelehrt haben soll. Sie ist zwar nicht besonders schön, lebt und blüht aber immer noch. Dass weite Teile der Altstadt am 23. April 1933 durch ein schweres Erbeben zerstört wurden, bemerkt man als Tourist nicht.

Von einer berühmten Platane…
Die Platane des Hippokrates steht gegenüber dem Eingang der Johanniterburg „Neratzia“.
… zu einem berühmten Gelehrten…
Hippokrates von Kos vor der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

Hippokrates, der Urvater der modernen Medizin, stammte aus dem Geschlecht der Asklepiaden, die sich selbst auf den Heilgott Asklepios oder Äskulap zurückführten. Sein Symbol, der von einer Schlange umschlungene Stab, gilt auch heute noch als Zeichen des Heilberufs. Hippokrates legte die theoretischen und praktischen Grundsteine für eine Medizin auf empirisch-rationaler Basis. Zu seiner zentralen Schrift zählt das Werk „Luft, Wasser und Plätze“ (5. Jhr. v. Chr.). Heute, rund 2.500 Jahre später, verkaufen die Touristenshops nach wie vor den „Eid des Hippokrates“ als Souvenir. Auch wenn der Eid vermutlich nicht selbst von Hippokrates stammt, so gilt er doch als Grundlage ärztlicher Ethik. In seiner klassischen Form wird er heute nicht mehr von Ärzten geleistet und hat somit auch keine Rechtswirkung. Er wurde durch das Genfer Ärztegelöbnis abgelöst, das der Weltärztebund erstmals 1948 verfasste und seither mehrmals revidierte.

Die berühmteste archäologische Stätte der Insel, die wir aber nicht besuchten, soll nicht unerwähnt bleiben: das Asklepieion, Asklepion oder lateinisch Aeskulapium aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Hier war die Ärzteschule des Hippokrates untergebracht. In einem kleinen Tempel im ionischen Stil wurde Asklepios, der Gott der Heilkunst, verehrt. Ein weiterer Tempel im korinthischen Stil war dem Gott Apollon gewidmet.

…und Palmen mit Bärten

Am meisten beeindruckt mich nahe der Altstadt in Kos ein großes Areal mit vielen hohen, stattlichen Palmen. Sie tragen lange „Bärte“. Wenn ich mich nicht täusche, habe ich solche Palmen auf dem Palm Canyon Trail in Borrego Springs in der Wüste Anza Borrego in Kalifornien gesehen. Dort heißen sie Washingtonpalmen (Washingtonia filifera). Diese hier strahlen eine Würde aus, so als könnte sie nichts aus der Ruhe bringen. Ob sie unsere vier kalifornischen Mitreisenden wohl auch so erfreuen wie mich?

Johanniterburg Nerátzia: Wo einst Bitterorangen blühten

Nur wenige Schritte vom Platanenplatz entfernt führt eine Steinbrücke über den ehemaligen Burggraben zum Eingang der Johanniterburg „Nerátzia”Der Name bezieht sich auf die damals zahlreichen Bitterorangenbäume in der Umgebung der Burg.

Hedi und ich besuchen die Festung am frühen Abend, als die Sonne schon tief steht, und genießen die besondere Atmosphäre in der weitläufigen Anlage. Diese ähnelt einem Freilichtmuseum und besteht aus zwei Verteidigungsringen – einem inneren aus dem 13. Jahrhundert und einem äußeren aus dem 15. Jahrhundert. Überall liegen antike Baufragmente herum, Säulenstümpfe, Gräber und Altäre. Wer sich in Wappenkunde auskennt, kann auch Wappen von Großmeistern entdecken. Von hier oben aus können wir unser Schiff, die Muhteşem A., im Mandráki-Hafen liegen sehen und der Crew zuwinken. Unübersehbar sind aber auch die vielen Zelte, die entlang der Hafen-Promenade aufgereiht stehen, und die großen und kleinen Flüchtlinge, die sich dazwischen aufhalten.

 

„Wer nichts mehr hat, dem bleibt die Hoffnung“

Τί κοινότατον; ἐλπίς. καὶ γὰρ οἷς ἄλλο μηδέν, αὕτη πάρεστι. (altgriechisch)
Thales in Plutarchs „Gastmahl der Sieben Weisen“, Moralia 1.153d

What is most common? Hope. For those who have nothing else, that is always there.
Thales in Plutarch’s „Symposium of the Seven Sages,“ Moralia 1.153d

Was gibt es so gut wie überall? Hoffung. Denn wer nichts mehr hat, dem bleibt die Hoffnung.

Türkische Lebensweisheit: Insanin vatani dogdugu yer degil, doydugu yerdir.
Heimat ist nicht da, wo man geboren ist, sondern da, wo man satt wird.

Nach dem Abendessen auf unserem Schiff gehen wir nochmal in die nächtlich erleuchtete Stadt Richtung Promenade und Flüchtlingszelte. Ich habe einige Teebeutel, die ich auf die Reise mitgenommen hatte, dabei. Hedi hat ein paar Klamotten in eine Tüte gepackt. Ein Mann, dem ich die Teebeutel fragend hinhalte, nickt und sagt „Caj“. Er nimmt sie dankbar an. Auch Hedis Kleider gehen schnell weg.

Am frühen Abend hatte ich schon von einer Steinbrücke herab einen Mann mit Baby fotografiert. Lächelnd hob er sein Baby hoch zu meiner Kamera und machte das berühmte Victory-Zeichen, das zu einem Symbol der Flüchtlingsbewegung geworden ist und sogar schon kleine Kinder zeigen. Ich hatte befürchtet, dass er aggressiv reagieren würde und war gerührt von so viel Friedfertigkeit.

 

Mein V-Kaktus als Metapher 

Mein Blick fällt auf einen meiner Kakteen, der v-förmig gewachsen und mit spitzen Stacheln übersät ist. Der Kaktus als Metapher für eine globale, gesellschaftliche Entwicklung, die auch ganz schön stachlig ist bzw. noch werden könnte. Es dauert lange, bis ein Kaktus mal blüht. Aber wenn er es tut, so wie ein halbes Jahr nach der Blauen Reise im März 2016, dann geht einem das Herz auf.

Hoffen wir, dass die Ströme an Refugees, die den Weg über das Meer wählen, angesichts der Herbststürme und der rauen See abnehmen oder – noch besser – aufhören. Hoffen wir auch, dass die deutschen und europäischen Regierungschefs endlich Kompromisse und Lösungen am grünen Tisch finden. Grün ist bekanntlich die Farbe der Hoffnung. Und die haben sie alle reichlich im kleinen Gepäck.

 

 


Zu der Schiffsreise hatte mich Mediterranean Delights Fitness Voyage (MDFV) im September 2015 eingeladen, damit ich über meine Erfahrungen schreibe. An- und Abreise erfolgten auf eigene Kosten.


 

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hedi klement
Gast
Wenn alles so grau ist wie in diesen Tagen hier in Bayern, tut es gut, wieder in „das Blaue“ einzutauchen. Die Zeit so vergänglich, die Welt voller Unruhe, nur das Meer wogt ewig, heilt und nährt uns, lässt uns ebenso seine Gewalten spüren. Die Traum-Schiff-Reise auf der Muhtesem, die ich als Gast mit Dir, Jutta, genießen durfte, bleibt wohl in meinem Leben unvergesslich. Es war für mich ein Traum und ist es sicher für jeden, der sich einlassen kann auf das sanfte, immerwährende Schaukeln auf dem Wasser, auf die laue Meeresbrise, die Dich frei durchatmen lässt. Die Inseln wie Perlen,… weiterlesen »
Brigitte Düker
Gast

Du schöner, leuchtender, zweiarmiger Seestern, wie trefflich schilderst Du meine Lieblingsreise und welchen Tiefgang nimmst Du an Mitmenschlichkeit.
Wundervoll zu lesen: Dein V-förmiger Kaktus als Metapher, stachelig, und wenn er dann blüht, dann geht einem das Herz auf. Leider sehe ich für die Zukunft keine Blüten, eher nur Stacheln.
Jutta, Du hast alles auf den Punkt gebracht. Aber Deine Hoffnung steckt an und ich freue mich auf Deine so herrlich schönen, anschaulichen Reiseberichte mit Herz.
Brigitte

Danoh
Gast

Danke, Jutta. Sehr schoen beschrieben und ich werde heute Abend in meiner kalten nassen nordatlantischen Stadt vom sonnigen Meer und seinen Heilungskraeften trauemen.

Die Photos haben eine spitze Qualitaet, und ich wuenschte, ich koennte das Strassencafe auf Kos u.a. besuchen und dort eine Tasse Tee trinken. Die Fluechtlings-Bilder bringen auch ein menschliches Mitleid zu meinem Verstaendnis dieses komplizierten Themas.

Nur gerne haette ich ein bisschen mehr davon gelesen, was Du dort gegessen und getrunken hast. Auf Reisen ist es fuer mich ebenso wichtig, was man isst und wo man ist 😛

Tania @ Larger Family Life
Gast
I too was thinking about the sea today, and how the peace and beauty of it that I’ll cherish from our voyage is far removed from the treacherous journey that many are having to make through it. It is so sad that in this day and age, our politicians seem to be standing by, watching so many risk an almost-certain death as the winter looms. It is so sad and so inexcusable for this day and age that we should be standing by watching so many suffer and die when we could all work together and do something. Beautifully written,… weiterlesen »
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