Die Korallen von Schloss Ambras

Auf der Suche nach einer verlorenen Zeit

Mythologie und Natur, Medusa und Korallen, Korallen und Kunst(handwerk) – wie passt das alles zusammen?
Ein Besuch der Ausstellung im Schloss Ambras in Innsbruck bringt erhellende Einblicke in die geheimnisvolle Welt der Korallen, die vor rund 500 Jahren aus dem noch unerforschten Meer gehoben und vom Tiroler Landesfürsten Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595) gesammelt wurden. Eine faszinierende Schau von rund fünfzig Korallenobjekten, die Zeugnis von einer Zeit ablegen, als die Welt(anschauung) noch eine andere war und so wie damals nie wieder sein wird.

Für kurze Zeit bin ich bei meinem Besuch eingetaucht in die maritime Vergangenheit hinter den Vitrinen – wie auf der Suche nach einer verlorenen Zeit – und dann wieder mit neuem Verständnis aufgetaucht in die Gegenwart. Gut, dass der Bach, der unter einer Brücke im Schlosspark Ambras fließt, meine Melancholie aufgeweicht und mitgenommen hat. Panta rhei, alles fließt….

Renaissance-Schloss Ambras mit Park und Keuchengarten

Korallen sind keine Pflanzen oder Steine, sondern Tiere!

Gorgoniakoralle, Eugorgia Aurantiaca

Es braucht einen Moment, bis sich meine Auge an die abgedunkelte Welt in den Ausstellungsräumen gewöhnen. Hinter Glas liegen Gebilde, die aussehen, als hätte ein Bildhauer sie aus Elfenbein geschnitzt: filigrane Verästelungen, fächerartige Strukturen, bizarre Formen, die an kleine Bäume, an Blüten oder an gefrorene Flammen erinnern. Tatsächlich sind sie weder Stein noch Pflanze oder Holz. Es sind Korallen – Tiere, die vor vier- bis fünfhundert Jahren den Weg aus tropischen Meeren in die Kunstkammern europäischer Fürsten fanden.

Wer die Ausstellung auf Schloss Ambras besucht, begegnet ihnen nicht als Meeresbewohnern, sondern als Kunstwerken – gesammelt vor vier- bis fünfhundert Jahren, in einer Zeit, als die Ozeane unendlich schienen und ihre Schätze ebenso.

Schon die Vielfalt ist überwältigend. Verästelte Formen, zarte Fächer, massive Gebilde, die an kleine Wälder aus Stein erinnern. Manche Stücke sind kaum größer als eine Hand, andere entfalten eine erstaunliche Präsenz. Es ist leicht nachzuvollziehen, weshalb Fürsten und Gelehrte der Renaissance solche Naturwunder in ihre Kunst- und Wunderkammern aufnahmen. Korallen waren exotisch, kostbar und geheimnisvoll zugleich – Beweise dafür, dass die Welt größer war als jede Landkarte.

Wie Korallen laut antikem Mythos entstanden

Ovid beschreibt in seinen „Metamorphosen“ die Geburt der Koralle im Roten Meer aus dem Blut der Medusa. Nachdem Perseus die gefangene Königstochter Andromeda vor dem Seeungeheuer befreit hatte, legte er das Haupt der Medusa auf ein Bett von Seepflanzen. Diese verwandelten sich nach der Berührung mit dem Blut der Medusa in Korallen.

Der Mythos erzählt, dass Perseus den abgeschlagenen Kopf der Medusa über das Meer trug. Als Tropfen ihres Blutes ins Wasser fielen oder den Seetang berührten, verwandelten sie sich zu roter Koralle. Deshalb wurde die rote Koralle in der Antike als „Blut der Medusa“ angesehen.

Perseus und Andromeda von Lorenzo De Ferrari, um 1710. © MiC – Musei Nazionali di Genova – Galleria Nazionale della Liguria

Medusenhaupt (griechisch Gorgoneion) ist ein alter Name für die rote Edelkoralle (Corallium rubrum). Sie war seit der Antike ein begehrtes Schmuckmaterial. Wegen ihrer Verbindung zur Medusa schrieb man ihr oft eine schutzbringende, magische Wirkung zu. Korallenamulette sollten gegen Unglück, böse Geister und den „bösen Blick“ schützen – eine Vorstellung, die direkt mit der furchteinflößenden Macht der Medusa zusammenhing.

Interessanterweise ist die rote Koralle biologisch kein Stein und keine Pflanze, sondern das Kalkskelett einer Kolonie kleiner Nesseltiere, die mit Seeanemonen und Quallen verwandt sind. Daher passt die Verbindung zur Medusa – einem Wesen aus der Mythologie mit Schlangenhaar und tödlichem Blick – auch symbolisch gut zu den geheimnisvollen Lebewesen der Tiefe.

Die eigentliche Botschaft dieser Ausstellung: Sie zeigt keine Reliquien einer untergegangenen Welt. Sie zeigt etwas, das es noch immer gibt – aber dessen Zukunft nicht mehr selbstverständlich ist. Sie erzählt nicht nur von der Schönheit der Natur, sondern auch von unserem veränderten Blick auf sie. Was einst als kostbare Kuriosität galt, ist heute Symbol einer verletzlichen Welt.

Ich verlasse die Ausstellung mit Bildern von unglaublicher Eleganz im Kopf. Und mit dem leisen Wunsch, dass auch unter der Meeresoberfläche noch vieles von dieser Schönheit erhalten bleibt – nicht nur für Vitrinen, sondern für das Leben selbst, für das gesamte Ökosystem und die Menschheit.

Draußen im Park von Schloss Ambras empfängt mich das Rauschen des Baches. Für einen Augenblick scheint es, als käme es von weit her, aus jener Zeit, als Schiffe Korallen aus fernen Meeren nach Europa brachten und die Ozeane unerschöpflich schienen. Das Wasser fließt weiter, unbeeindruckt von Jahrhunderten, so wie es wohl schon zur Zeit Erzherzog Ferdinands II. geflossen ist, als die ersten Korallen ihren Platz in der Kunstkammer fanden. Alles scheint in Bewegung, und doch ist die Zeit nicht stehen geblieben. Hinter den Vitrinen ruhen die Korallen unverändert, während draußen die Welt eine andere geworden ist.

Der Bach im Park trägt sein Wasser weiter, als hätte sich nichts verändert. Es eilt über Steine, als hätte es keine Jahrhunderte zu überbrücken. Hinter mir liegen Räume voller Dinge, die seit Jahrhunderten nicht mehr gewachsen sind. Vor mir fließt der Bach weiter, als gäbe es keinen Unterschied zwischen damals und heute. Panta rhei, alles fließt…

Das Blut der Medusa – Die Korallen von Schloss Ambras
26. Juni bis 31.10.2026
Täglich von 10 bis 17 Uhr
Führungen finden jeden Freitag und Sonntag statt.

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