Sternberger Seenland, Teil 1

Mecklenburg-Vorpommern:
Auf Zeitreise im Sternberger Seenland


„Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön…“

Vor allem im Sternberger Seenland in Mecklenburg Vorpommern. Die Region liegt im Nordosten Deutschlands im Städtedreieck Schwerin, Wismar und Güstrow, rund eine halbe Autostunde von der Ostsee entfernt. „Wir sind touristisches Hinterland”, meinte ganz nüchtern Jan Lippke, stellvertretender Naturparkleiter, bei unserem Besuch des Naturparkzentrums in Warin anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Naturparks Sternberger Seenland.

Allerdings ein Hinterland, das es in sich hat: geschichtsträchtig mit alten Slawen, aber auch mit modernen Rangern; die Landschaft größtenteils naturbelassen mit weit über 80 Seen, viele umsäumt von breiten Schilfgürteln, die zum Erholen auf und im Wasser einladen. Zum Beispiel auf dem Großen Sternberger See, auf dem es viel zu sehen und zu fotografieren gibt. Mit etwas Glück kann man einen Adler wie im Wappen Mecklenburg-Vorpommerns entdecken. Aber auch ein Kranich oder Teichrohrsänger, eine Sumpfschildkröte, ein Fischotter oder Biber sind schöne Fotomotive.

Am Außenbordmotor Jörg Rettig und zwei seiner Fahrgäste, darunter auch Autorin Jutta Keller. Foto: Helga Klehn

Bootsführer Jörg Rettig war 1983 Junioren-Segelweltmeister auf einer 470-er Jolle am Neusiedler See in Österreich und später noch einige Male DDR-Meister. Seit 2003 führt er mit seinem Bruder die vom Vater übernommene Sternberger Seenfischerei. In ihrem Laden verkaufen sie fangfrischen Aal aus dem Sternberger See und andere Frisch- und Räucherfische. Geräuchert wird mit Erlenholz in handgefertigten Öfen.

Links geräucherter Aal auf der Ladentheke, rechts eine leckere Räucherfisch- und Matjesplatte nach Art des Hauses Rettig. Dazu feiner Meerrettich aus dem Spreewald und Lübzer Lemon – alles Produkte, die man unter diesem Namen in Bayern nicht kennt. Für mich ungewöhnlich klingt auch Aal mit Spargel, der in der Region angebaut wird.

Geologische und andere „Leckerbissen”

Eine Spezialität ganz anderer Art ist der „Sternberger Kuchen”. Er sieht aus wie ein altes Vollkorn-Brötchen und ist so hart, dass man sich die Zähne daran ausbeißen kann. Der eisenhaltige Sandstein stammt aus dem „Tertiär” und ist circa 25 Millionen Jahre alt. Fossile Muscheln, Schnecken und Haifischzähne sind in ihm „eingebacken” und zeugen von einer Zeit, als das Land noch ein warmes, flaches Meer war und später während der letzten Eiszeit vom skandinavischen Inlandeis wenige Kilometer weit geschoben wurde. Im Heimatmusem in Sternberg sind einige Exemplare ausgestellt, unter anderem auch das größte, je in Mecklenburg-Vorpommern gefundene Geschiebe dieses Typs. Der Findling ist 1,10 Meter lang, 80 cm breit und 25 cm hoch.

825 Gramm wiegt dieser „Sternberger Kuchen”, der sich im Besitz der Autorin befindet. Im Sedimentgestein gut zu erkennen sind die Relikte ehemals lebender Meeresbewohner. Auf eine Hobby-Paläontologin oder -Geologin wie mich (Tochter eines Steinmetzen) übt dieses etwas bröselige Souvenir jedenfalls eine große Faszination aus.

Erwähnenswert: Jungen Köchen in Sternberg ist es gelungen, dieses urzeitliche Gebilde als essbares Gebäck nachzuahmen. Laut einem Pressebericht „besteht es aus vier Schichten: Unten geht es mit einem Keksteig los, darüber kommen eine Schokoladenmischung, ein Eiweißkeks etwa wie ein Baiser und als Abschluss ganz oben eine ‚Sedimentschicht‘ prall aus Nüssen, Körnern und Rosinen.” Die genaue Rezeptur und Machart bleiben ein Geheimnis. Über ein halbes Jahr haben die kreativen Köche immer wieder andere Rezepturen ausprobiert. „Der Prototyp lag dann ein halbes Jahr offen in der Küche und war noch essbar.” Na dann, guten Appetit!

Ausflugs-Tipp 1: Drei-Seen-Rundfahrt –
von Sternberg zum slawischen Tempelort Groß Raden

Während der Saison kann man jeden Dienstag mit Fischer Rettig auf seinem Kahn von Sternberg (Fischerei) bis nach Groß Raden ins altslawische Archäologische Freilichtmuseum hin- und zurück fahren: vom Sternberger See über den Trenntsee, durch den Hechtgraben in den Groß Radener oder Binnensee. Am anderen Ende des Sees erkennt man schon den Burgwall. Laut Jörg Rettig sind die drei großen Seen auch auf dem Rad zu umrunden, 25 Kilometer sollen es sein.

Die Drei-Seen-Fahrt ab der Fischerei Sternberg bis zum Archäologischen Freilichtmuseum in Groß Raden führt durch den Hechtgraben hindurch. Hier mutet es wie im Spreewald an.

Im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden, einem Ortsteil von Sternberg, wird die Geschichte des 9. und 10. Jahrhunderts n. Chr. lebendig. Das Museum ist zweigeteilt in ein Ausstellungsgebäude (seit 1989) – darin zu sehen sind die Silberschätze und andere Kostbarkeiten aus der Slawenzeit Mecklenburg-Vorpommerns – und ein ganzjährig geöffnetes Freigelände (seit 1987).

Die Ausgrabungs- und Forschungsarbeiten am rund tausendjährigen slawischen Siedlungsort dauerten sieben Jahre lang. Die Leitung hatte Prof. Dr. Ewald Schuldt inne. Während der Ausgrabungen stellte man fest, dass es zwei Siedlungsphasen gegeben hat. Der moorige Boden hatte die Holzbohlen und -pfähle der Siedlung konserviert. Archäologen rekonstruierten darauf ein Areal mit Burgwall – Raden war eine Fluchtburg, mit Bohlenwegen, Flechtwandhäusern und Kultstätte. Vor mehr als 1000 Jahren lebten hier die Warnower, ein westslawischer Stamm, bzw. deren Teilstämme, die Obodriten und Liutizen, mit ihren Tieren. Ihre Kulthalle hatte eine Grundfläche von 7 x 11 Metern. Die Dachsymbole am rekonstruierten Tempel zeigen den Schädel eines Rindes und den eines Pferdes. Weiße Pferde waren den Altslawen heilig. In ihren Kulthandlungen spielte das Pferd eine wichtige Rolle.

Geschichten vom Pferd

So berichtet Saxo Grammaticus (* um 1140; † um 1220), dänischer Geschichtsschreiber und Geistlicher: „Außerdem besaß sie (die Gottheit) ein Pferd von weißer Farbe; es galt als Frevel, aus Mähne oder Schweif Haare herauszureißen. Allein der Priester hatte das Recht, es zu pflegen und sich darauf zu setzen, damit das heilige Pferd nicht durch häufigen Gebrauch sein Ansehen verlieren sollte. Auf diesem Pferd führte nach Meinung der Rugianer Swantetwit – das ist der Name des Götzen – Kriege gegen die Feinde seiner Heiligtümer. Dafür galt als besonderes Zeichen, daß es, zur nächtlichen Zeit im Stalle stehend, so sehr mit Schweiß und Lehm bedeckt war, als hätte es lange Wege hinter sich gebracht. Auch wurden durch dieses Pferd Weissagungen … vorgenommen.“

„War nämlich beschlossen, gegen irgendein Gebiet Krieg zu führen, so pflegte man mit Hilfe der Tempeldiener eine dreifache Reihe von Lanzen vor dem Tempel anzuordnen, in jeder wurden zwei mit den Spitzen in die Erde gesteckt und gegeneinander verschränkt. … Während dies geschah, wurde nach einem feierlichen Gebet das Roß vom Priester aus der Vorhalle gezäumt herausgeführt. Falls es die vorgesetzte Reihe eher mit dem rechten als mit dem linken Fuß überschritt, wurde es als günstiges Vorzeichen des zu führenden Krieges angesehen, wenn es aber nur einmal den linken dem rechten vorsetzte, so wurde die Absicht über das anzugreifende Gebiet geändert.”

Niklot (1100-1160), letzter slawischer Fürst, in der Fassade des Schweriner Schlosses.

Über die slawischen Stämme weiß man, dass sie sich der Christianisierung widersetzten und verschiedene Gottheiten an unterschiedlichen Kultstätten verehrten: in Tempeln mit Götterbildern, in Wäldern und heiligen Haine. Rund 400 Jahre besiedelten sie Mecklenburg-Vorpommern, 1160 wurde die Slawenzeit unter ihrem letzten Fürsten Niklot gewaltsam beendet.

Ein Zeuge aus diesen längst vergangenen Zeiten hat jedoch überlebt: die Rosenmalve. Sie ist eine wichtige und am besten erforschte Kulturreliktpflanze. Bei den Slawen war sie sehr beliebt und verwilderte nach Aufgabe ihrer Siedlung. Ihre Samen haben womöglich Jahrhunderte im Boden überdauert. Zu ihrer Blütezeit bedeckt sie auch heutzutage den Burgwall wie ein rosafarbener Teppich.

Wer sich auf eine Zeitreise in die Vergangenheit begeben möchte, kann dies das ganze Jahr über tun. Den August (1.-28.8.2015) über bietet das Freilichtmuseum Groß Raden ein Sommerferienprogramm „Mitmachangebote für die ganze Familie zum slawisch aktiv sein”. Eine Waldwanderung mit den Rangern des Naturparks Sternberger Seenland ist ebenfalls möglich. Darüber erfahren Sie mehr in Teil 2: „Aktivitäten im Sternberger Seenland: Kanu to flow – Naturpark to go”.


Archäologisches Freilichtmuseum mit slawischem Tempelort Groß Raden

 

Terra incognita – unbekanntes Deutschland

Die viertägige Reise ins Sternberger Seenland in Mecklenburg-Vorpommern wurde vom Veranstalter als „Geheimtipp mit Wasser und Wegen“ angekündigt. Als erstes fiel mir die Namensähnlichkeit zwischen Sternberger Seenland und Starnberger See auf. Letzteren kenne ich als Münchnerin relativ gut. Ob es im Sternberger Seenland im hohen Norden wohl auch so hügelig und seenreich wie im Voralpenland ist? Kurzerhand fuhr ich in acht Stunden mit dem Zug von München über Hamburg bis Schwerin, Ausgangspunkt unserer Reise.

Das war Mitte Juni 2015 und noch immer spüre ich in mir dieses wunderbare Gefühl von Leere und Weite, von blau-weißem Himmel und grünlich-blauen Seen, von stiller Natur und kreativ-geschäftstüchtigen Menschen, wenn ich an diesen Landstrich denke. Er wirkt ursprünglich, unberührt und verlassen – wie aus einer vergangenen Zeit: Herrenhäuser und Schlösser, Klöster und Gutshöfe, Parkanlagen und Gärten. Ich war erst einmal an der Ostsee (Fischland-Darß-Zingst) und jetzt auch im Hinterland von Mecklenburg-Vorpommern, beide Male eine Offenbarung.

Deutschland hat wirklich noch geheime Ecken, die es zu entdecken lohnt. Alles, was man dazu braucht, ist der Entschluss, zu neuen „Ufern“ aufzubrechen. Denn Wasser gibt es im Sternberger Seenland in Hülle und Fülle. „Hier stolpert man von einem See zum anderen“, sagte mal ein Wanderer. Stolpern Sie doch mit und entdecken Sie die Einzigartigkeit der Natur und Kultur in dieser Region!


Zu der Reise ins Sternberger Seenland „Geheimtipp mit Wasser und Wegen” hatte der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern in Zusammenarbeit mit dem Tourismusverband Mecklenburg-Schwerin, der Touristinformation Sternberg und Güstrow Tourismus e.V. im Juni 2015 eingeladen.


Weitere Informationen

Stadt Sternberg

Naturpark Sternberger Seenland

Naturparkzentrum Sternberger Seenland, Warin (enthält auch Sagen und Märchen)

Freilichtmuseum Groß Raden

Interview mit Jörg Rettig, Seenfischerei Sternberg

Lecker – dieser Sternberger Kuchen

Barlachstadt Güstrow Tourismus

Backsteingotik in Güstrow


 

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hedi klement
Gast

Sternberger Kuchen – faszinierend, dieses ästhetisch wunderschön anzuschauende Relikt aus dem Urmeer der Erdgeschichte… Der Reisebericht macht Lust auf die nördlichen Meere und das Seenland dahinter!

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